Gelassenheit – Übungsfelder im Alltag

Es wäre eine hohe Erwartung, jede Situation ausgeglichen und geruhsam zu meistern. – Der Alltag bietet viel, um der Gelassenheit näher zu kommen.

Eigentlich werden wir von der Gelassenheit durch den Alltag getragen. Wir mögen sie als bevorzugte und erwünschte Befindlichkeit unserer Wach- und Schlafenszeit. Nicht immer und durchgehend erfahren wir sie als beständig, nicht in uns selbst und nicht bei andern Menschen; sie entwischt immer wieder.

Es ergeben sich im Verlauf unseres Lebens Phasen, in welchen unser Temperament oder  unsere Emotionen, Gefühle und Gedanken langsam auftauchen oder impulsiv und plötzlich aufbrechen, uns unserer gewohnten Gelassenheit entreissen: wir stehen in Beziehungen, haben spannende und andere Begegnungen, die erwartet oder unverhofft stattfinden – wir werden von Themen bewegt, die persönlich sind oder uns fachlich, politisch, sozial und anderweitig etwas angehen: Meinungen prallen aufeinander, Ansichten kreuzen sich, Erwartungen und Hoffnungen werden erfüllt, enttäuscht oder sie lassen einen nicht zur Ruhe kommen, materielle Not drängt einen in die Enge, eine optimistische Arztdiagnose besänftigt den, der zuvor Tage in Aufruhr verbracht hat.

Das rückt manchmal ganz nahe an einen heran, vermag einen schleichend oder abrupt durcheinanderzubringen.

Unsere menschliche Natur strebt danach, zur Gelassenheit zurückzufinden, wenn sie „ausser sich“ war, wenn das innere Gleichgewicht verloren gegangen ist, wenn einen das Leben zu schwer drückt. Es gibt kleine und lange dauernde, belastende Szenarien im Leben, in denen sich mehr oder weniger deutlich bemerkbar macht: da stimmt etwas nicht, die Gelassenheit ist nicht wirklich, eine Sehnsucht drängt in mir, scheint etwas anzustreben.

Wie wird sie erfüllt, wie gelingt es, zur wahren Gelassenheit zurück zu gelangen?

Zuerst sind wir selbst gefragt: wollen wir uns dem einordnen, was ein Leben in Gelassenheit meint? Mag eine positive Entscheidung dafür bereits eine harmonische Grundlage bieten, so braucht diese grosse Gemütsstimmung gewiss auch Übung, nicht in einem schweren Sinn, keineswegs. Wie wir Gelassenheit in ihrer Anmut erkennen, so möchte sie geübt werden. Rhythmisch, in kleinsten Schritten, in abgestimmten Stufen, wie sie sich in den Tag, sei dies morgens oder abends, am Mittag oder in der Nacht, integrieren lassen. Die besten Lehrmeister sind wir in uns selbst.

Ein jeder bestimmt für sich selbst die Stufen, die er nimmt; ein einzelnes alltägliches Beispiel kann genügen, mit und in sich selbst einen beruhigenden Fortschritt hin zu mehr Gelassenheit zu erwirken, sich in neuer Leichtigkeit zu erleben.

Nehmen wir den Computer. Gewollt oder ungewollt ist dieses Gerät in jeglicher Gestalt in unserem Alltag integriert und wir fügen uns seiner Präsenz – weil es nun mal kaum mehr anders geht. Solange alles dem jeweiligen Bedarf entsprechend nützlich verläuft, bleibt die Gelassenheit. „Spukt“ er einmal wieder und tut nicht, wie er sollte, kommt es durchaus vor, dass sich eine ganze Bandbreite von Möglichkeiten ausserhalb der Gelassenheit zum Ausdruck bringt, sei es ein „grumeliger“, stiller Ärger, eine Eskapade unüberhörbarer Schimpfwörter bis hin zur Faust, die auf den Tisch schlägt – oder gar dahin, wo einer sein Gerät auf den Boden knallt – Oh!

Oder: rede ich diesem Ding leise zu, und sage ihm was ich will von ihm?

Andere Situationen, die lieber hätten gelassener stattfinden sollen, können eine Begegnung mit dem Nachbarn, der immer so laut seinen Fussball-Match guckt, ein verloren gegangener Autoschlüssel sein.  – Wird der nächste gesuchte Schlüssel, der nächste TV-Abend wieder zu aufgebrachten Emotionen führen oder findet sich eine gelassenere Lösung?

Wem wirklich daran gelegen ist, wiederkehrende, ach so normale Situationen des Alltags, gelassen zu bewältigen, der redet vielleicht noch einmal mit dem Nachbarn, erinnert sich von nun an daran, wo der Schlüssel zuletzt hingelegt wurde … und tut dies gar mit einem Lächeln.

Leichter wird einem in solchen Momenten, wenn man sich erinnert zu lachen oder zumindest zu lächeln! Entspannung breitet sich aus und mit ihr tritt gerne eine fruchtbare Idee auf, wie sich mit dem aufgetauchten Ärger moderat umgehen lässt, alles zu einer angenehmen Kehrtwende führen könnte. Beinahe ist das Problem gelöst – und wem es gar gelingt, dem ganzen ein Krönchen von Humor aufzusetzen, der hat für einen lachenden Moment die Welt erobert!

Ja, ein paar Worte können dienlich sein, ein Gespräch kann beitragen zu mehr Gelassenheit.

Manchmal ist ein stilles Zwiegespräch angebracht, sich eine kurze Zeit zu gönnen, um allein zu sein und sich die eigene Gelassenheit in Erinnerung zu rufen.

Andere Menschen wählen das Gebet, ziehen sich zurück für eine tiefe Einkehr.

Kostbare Minuten sind es demjenigen, der sich einlassen mag in die Meditation, in die Übung der Gelassenheit selbst.

Ein Wissen ist da, dass alles dazugehört … und dass dies von nun an angenommen werden mag, wie es ist.

Es beginnt die Innenschau zum Erkennen, wie eine Situation war und wie sie beim nächsten Mal gelassen angegangen werden kann; ein Weg, ob er allein oder unter Einbezug einer der vielen Möglichkeiten, die uns zur Wahl stehen, begangen wird.

Die Gelassenheit findet statt, wann wir sie zulassen; wir können uns dazu entscheiden: mit der Körpersprache, im Fühlen, im Denken. – Bestätigen wir sie wieder mit einem Lächeln, immer wieder.

Wie bei allem, was sich jemand zu eigen machen will, wird er sich darin üben. Die heutige wohltuende Erfahrung reicht vielleicht, um von nun an den Alltag in neuem Licht begehen zu wollen, und die Übungen so vorzunehmen, wie sie unserer Gelassenheit dienlich sind.

Von der heutigen Informationenflut überschwemmt, möchte für manchen etwas weiteres unter diese Fittiche genommen werden, gerade, weil es aufs erste Besehen keine wahre Gelassenheit zulässt: Zeugen zwar tägliche Nachrichten aus aller Herren Länder von oft unglaublichen Fortschritten und willkommenen Annehmlichkeiten der heutigen Zeit, so konfrontieren sie uns zur selben Stunde mit Berichten über Kriege und lebensbedrohliche Widerstandskämpfe, gegen die sich unser Herz auflehnt. Gelassenheit scheint unangebracht und  nur noch Täuschung zu sein.

Somit sind wir erneut gefordert zu prüfen, wie wir leben.

In einem strengen Alltag vermag nicht jedermann ohne weiteres jener Menschen zu gedenken, welche ringen müssen um ihr tägliches Sein, für ihre Liebsten und um ihre Gemeinschaft. Das Berührt sein taucht vielleicht besonders beim Nachrichten lesen und hören und wenn wir mit andern darüber reden auf. Das wäre doch sehr viel!

Vernachlässigen wir gerade ihnen zuliebe unsere eigene Gelassenheit nicht, nähren und pflegen wir sie umso mehr.

Irene: Da wo ich lebe, haben alle Autos eine Hupe, aber keines scheint Blinklichter zu haben. So falle ich zwar jedes Mal beinahe vom Fahrrad, wenn einer hinter mir hupt, weil ich vor ihm fahre, aber ich sause auch mal beinahe einem in sein Heck, weil er vor meiner Nase nach rechts abbiegt, ohne dies anzuzeigen. Früher wurde ich manchmal rasend wütend auf diese verrückten Verkehrsteilnehmer – schliesslich realisierte ich: die ändern sich nicht, meine Wut bringt nichts. Heute winke ich manchmal einem zu …

Marion: Meiner Schwägerin hat manchmal Ideen, die mich zur Decke treiben, dann werde ich sauer, die Stimmung zwischen uns ist dann im Eimer. Beim Auseinandergehen bleibt ein schales Gefühl zurück, und ich finde es etwas peinlich meinem Mann gegenüber – schliesslich ist sie ja seine Schwester …
Also nächstes Mal, bevor ich sie einlade, werde ich mich hinsetzen, ein paar Minuten vielleicht(,) und mir durch den Kopf gehen lassen, wie ich mit ihr sein möchte. Aber das genügt nicht, weiss ich schon. Ich werde zuerst eine Weile tief atmen, wie ich es eigentlich lernte, und dann werde ich mir vorstellen, wie ich mich nach der Begegnung mit ihr fühlen möchte. Nämlich ruhig, stark, zufrieden.
-Vielleicht geht es ja doch … ?

Emmi: Die liebe Zeit… sie vergeht so schnell, man glaubt es kaum. Und irgendwie schafft man es meistens doch, die wichtigen Dinge zu erledigen, so dass noch Zeit bleibt für Musse und Unternehmungen.  Jammern nützt nichts, es geht ja den meisten Leuten so. Ich versuche vieles in meinem Leben zu optimieren, manchmal gelingt es mir und oft auch nicht, weil ich keine Lust mehr habe auf Programm. Da braucht es schon eine gewisse Gelassenheit, damit man nicht anfängt zu hyperventilieren. Ich habe gemerkt, dass mir die Meditation sehr hilft, in meiner Mitte zu bleiben.

Roger: Nachdem ich heute früh aufgestanden bin, um vor den Feiertagen meine Einkäufe zu erledigen, kam ich in bester Laune an eine freie Kasse im Supermarkt(,) und freute mich schon. Oh, wie habe ich mich getäuscht: das Rollband war zwar leer, aber Diskussionen meiner zwei Vorgänger mit der Kassierin über Aktionsangebote und Spezialpreise liefen heiss. Also beschloss ich, gelassen zu sein, zuzusehen und abzuwarten; irgendwann komme ich auch an die Reihe. Da stand plötzlich eine ältere Frau neben mir mit wenigen Produkten in den Händen. Sie meinte, wie schwierig es für sie sei, diese so lange in der Hand halten zu müssen. Also habe ich ihr angeboten, ihre Dinge vor den meinen aufs Rollband zu legen, und sie vorgelassen. Sie bedankte sich ausführlich dafür. Dann endlich durfte auch ich meine Sachen bezahlen und mit einem guten Gefühl zu meinem Morgenkaffee nach Hause zurückkehren.

Adina: Meine Freundin Rosa wohnt in einer Senioren-Residenz, wo ich sie regelmässig besuche. Sie wird rund um die Uhr betreut von einer Frau in meinem Alter, die aus Moldavia stammt. Einmal jährlich bekommt Julia einen Monat Ferien, für die sie in ihre Heimat fliegt, und dort mit ihrem Mann und den Verwandten Zeit verbringen kann. Nie habe ich Julia wütend erlebt, keine Sekunde hat sie meine Freundin vernachlässigt, nie war sie länger als wenige Stunden pro Woche mit andern Menschen zusammen, um etwas Freizeit zu erleben, ohne sich um die pflegebedürftige Dame im Greisenalter zu sorgen. Julia hat abgewogen. Sie hat die bestmögliche Lösung  gefunden, um mit ihrer Familie zusammen die grösstmögliche Unabhängigkeit zu wahren; dies jahrelang auf Kosten des täglichen Zusammenseins mit ihren Liebsten – zugunsten einer Zukunft, in der sie frei und unbeschwert, gelassen älter werden kann.

 

Der Kommentar:

Die alltägliche Gelassenheit bei der Arbeit mit Menschen

Menschen, die ihre Berufstätigkeit dem Wohl von Menschen widmen, erkennen und pflegen die wertvolle Haltung der Gelassenheit; glücklich, wem sie als Charaktereigenschaft in die Wiege gelegt wurde – beeindruckend, wer sich ihr im Verlauf des Lebens annähert und daran zu einem gereiften Menschen werden mag.

Fehlende oder schwindende Gelassenheit bei Klienten, mit denen wir arbeiten, ist ein Teil des Prozesses, anfangs oder während der Entstehung eines Bildes, einer Plastik. Stets erstrebenswert ist, einen Klienten erst dann zu verabschieden, wann er ein Stück weit (an) Gelassenheit wieder gefunden, ja gewonnen hat. Immer mögen Klienten das Atelier hoffnungsfroh verlassen, etwas mehr von ihrer Kraft oder an Freude, an Erkenntnis, oder zumindest an Gelassenheit erkannt haben.

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